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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : RFC Verbindlichkeit und Instrumentalisierung


Thomas Roessing
27.11.2003, 13:40
Moin,
RFC heißt doch "Request For Comment", oder? Klingt also wie ein Vorschlag. Im Usenet trifft man aber immer wieder Leute, die mit RFCs um sich werfen wie Turbo-Christen mit Bibelsprüchen und die einen RFC-Verstoß (kann man gegen Vorschläge verstoßen?) hinstellen wie einen schweren Akt krimineller Barbarei.

Also sind RFCs entweder keine Vorschläge sondern verbindliche Regeln, oder die Leute mißbrauchen sie zur Maßregelung ihrer Mitmenschen, wo keine Maßregelung angebracht ist.

Ich persönlich habe nichts gegen Regeln. Ich habe auch nichts dagegen, Verstößte zu ahnden. Aber dann soll man doch bitte den Euphemismus ("Bitte um Kommentar") durch eine adäquate Bezeichnung ersetzen ("Internet-Regel").

Die RFCs haben meinem Eindruck nach inzwischen einen Umfang, eine Komplexität und ein Maß an Auslegungsbedürftigkeit erreicht, die klassichen Gesetzen ebebürtig sind. Gibt es eigentlich Profis (Anwälte) und Institutionen (z.B. Gerichte) zu den RFC, die deren Geltung und Auslegung betreiben?

Und noch eine Frage nach dem persönlichen Eindruck: Ich lese nicht gerade sehr oft in englischsprachigen Newsgroups. Ich habe gleichwohl den Eindruck, daß das peitschenknallartige Um-die-Ohren-Hauen von RFCs ebenso eine deutsche Spezialität ist wie Realnamendiskussionen. Hat diesen Eindruck noch jemand?

Kommentare erwünscht... ;) .

Viel Gruß
Thomas

sillybilly
27.11.2003, 20:22
Originally posted by Thomas Roessing@Nov 27 2003, 02:40 PM
RFC heißt doch "Request For Comment", oder?
Korrekt.
Klingt also wie ein Vorschlag.
Ist es zunächst auch "nur".
Erst wenn ein RFC (http://www.rfc-editor.org/) von der Internet Engineering Task Force (IETF (http://www.ietf.org/)) für verbindlich erklärt wurde hat man sich daran zu halten.
Eigentlich. Da aber ein RFC keinen rechtlichen Stand hat wie z.B. eine ISO-Norm muss man sich auch wieder nicht dran halten - das ist der Grund, warum z.B. M$ sich häufig einen *******dreck um RFC's schert....
Im Usenet trifft man aber immer wieder Leute, die mit RFCs um sich werfen wie Turbo-Christen mit Bibelsprüchen und die einen RFC-Verstoß (kann man gegen Vorschläge verstoßen?) hinstellen wie einen schweren Akt krimineller Barbarei.
Naja - das Internet "funktioniert" nur mit den RFC's - wenn man also dagegen verstösst (z.B. falsche Zeichensatzdeklaration eines NUA) kann das für andere sehr störend sein.
Ich gehöre auch zu den glühenden Verfechtern der RFC's - wenn wir die nicht hätten hätten wir entweder einen industrialisierten (== kommerzielle Interessen verfolgenden) Standard oder aber die am weitesten verbreitete Software würde den Standard quasi vorgeben (wie es z.B. leider Gottes beim M$IE der Fall ist).

Wenn es allerdings soweit geht, das einige Usenetter meinen, jemandem vorschreiben zu wollen, dass er seine eMails gefälligst zu lesen hat zeige ich den Möchtegern-Fachleuten (oder auch Kleinkindern) den virtuellen Stinkefinger ;) - es sei denn, es handelt sich um ROLE-Adressen.
Also sind RFCs entweder keine Vorschläge sondern verbindliche Regeln, oder die Leute mißbrauchen sie zur Maßregelung ihrer Mitmenschen, wo keine Maßregelung angebracht ist.
Für verbindlich erklärte RFC's sind verbindliche Regeln.
Dass einige Leute diese zur "Massregelung ihrer Mitmenschen" missbrauchen ist ein soziales Problem - so denn es sich nicht um technische Fragen dreht.
Die RFC's sollen nur und ausschliesslich das Funktionieren der Technik regeln.
Ich persönlich habe nichts gegen Regeln. Ich habe auch nichts dagegen, Verstößte zu ahnden. Aber dann soll man doch bitte den Euphemismus ("Bitte um Kommentar") durch eine adäquate Bezeichnung ersetzen ("Internet-Regel").
Die Bezeichnung ist geschichtlich gewachsen - IMHO sollte es auch dabei bleiben.
Die RFCs haben meinem Eindruck nach inzwischen einen Umfang, eine Komplexität und ein Maß an Auslegungsbedürftigkeit erreicht, die klassichen Gesetzen ebebürtig sind.
Bitte lass mich mal Marius Müller-Westernhagen zitieren:
"Wenn einer Schreit: Gesetze müssen her! - dem hau ich auf die Fresse
Was Umfang und Komplexität angeht hast du sicherlich recht in Bezug auf die klassischen Gesetze - was die Auslegungsbedürftigkeit angeht IMHO nicht.
Meist sind die RFC's sehr eindeutig - das Problem ist, was viele selbsternannte Fachleute draus machen bzw. wie die sie interpretieren.
Du kannst davon ausgehen, dass 95% der Leute mittels RFC andere massregeln keine Ahnung haben, wovon sie schreiben. Wer die RFC's verstanden hat hat auch den Geist und Sinn dahinter verstanden und wird i.d.R freundliche aber bestimmte Hinweise geben - aber keine Massregelung durchführen.
Gibt es eigentlich Profis (Anwälte) und Institutionen (z.B. Gerichte) zu den RFC, die deren Geltung und Auslegung betreiben?
Die Profis sind die IT-Fachleute die Institution ist die IETF.
Der Vorteil der RFC's ist es, das jeder Mensch einen "machen" kann, der dann diskutiert und wenn er gut ist für verbindlich anerkannt wird - mehr Demokratie ist wohl nicht möglich.... ;)
Und noch eine Frage nach dem persönlichen Eindruck: Ich lese nicht gerade sehr oft in englischsprachigen Newsgroups. Ich habe gleichwohl den Eindruck, daß das peitschenknallartige Um-die-Ohren-Hauen von RFCs ebenso eine deutsche Spezialität ist wie Realnamendiskussionen. Hat diesen Eindruck noch jemand?

Das ist zweifelsohne so - allerdings hat es auch einen Vorteil: Die Anzahl der nutzlosen/lesensunwerten Postings ist in deutschen Gabeln IMHO wesentlich geringer als in internationalen.
Trotzdem wirds häufig übertrieben.

Gruss, Norbert